Finanzamt:

Auf meinem Weg ins Finanzamt begegnet mir ein komischer Kauz. Das eine Auge wird von einer schwarzen Piratenaugenklappe verdeckt. Er humpelt, stützt sich auf eine Krücke, grinst mich an und bemerkt in Berliner Dialekt: "Die ziehen einem das Fell über die Ohren!" Er hebt seine Krücke an und fährt warnend fort: "Mit zwei Krücken bin ich reingegangen, mit einer komm ik wieder raus!" Ich lache, denke "ein guter Witz" und mache mich auf den Weg in die Informationszentrale.

Um dort darauf warten zu dürfen, ausgenommen zu werden, muss man eine Nummer ziehen. Es ist so, als würde man die Patronen für seine eigene Erschießung kaufen. Es gibt zwei Arten von Geschossen: eine etwas langsamere dicke Marke Dum Dum für Angestellte und eine sportlich schnelle, mit der man auch noch in den Weiten eines Golfplatzes gut trifft, für Selbständige. Mit einem kurzen Blick schätze ich die Zusammensetzung der gelangweilt wartenden Häftlinge ab. Die Mehrzahl ist in gestreifte Hemden gekleidet, die auf die Mode der Arbeiterklasse schließen lässt. Ein paar wenige, die Designer Klamotten tragen, sehen besser gelaunt aus. Zwar macht mich ihr naives Lächeln, das mich irgendwie an eine Andy Wahrol Kuh erinnert, die mich von der Tapete angrinst, stutzig, doch führt die Selbständigkeit anscheinend schneller zum Erfolg und ich ziehe eine Nummer. Da ich bei Behördengängen schon um einige Jahre gealtert bin, und nicht meine Zeit in diesen trostlosen Kerker verschwenden will, habe ich mir ein Buch mitgebracht. Einige neugierige Blicke, die zu sagen scheinen: "Etwas lesen: gute Idee!" treffen mich. Dann wandern die Blicke zurück auf ihre Wartenummern und Steuererklärungen, um nach kurzem Interesse wieder in eine lähmende Lethargie zurückzufallen. Erfreut stelle ich fest, dass es, im Gegensatz zu zwanzig Angestellten, nur zwei selbständige Selbstmörder vor mir gibt, und denke mir, dass die Berliner Pleitewelle auch Vorteile hat. Als die Designer dann ziemlich schnell aufgerufen werden, während ein Großteil der Masse zum Warten verurteilt ist, begibt sich ein revolutionärer Arbeiter zur Nummer Ausgabe, um zu prüfen, worin diese Ungerechtigkeit begründet liegt. Er erkennt das teuflische System, akzeptiert es und setzt sich wieder. Ich habe gerade noch Zeit zu lernen, dass das Weltbild eines Menschen sein Verhalten steuert und schon klingelt meine Nummer. Frohen Mutes begebe ich mich zum Schafott Nr. 1.

Das Wetter ist schön und die Stimmung ist gut, das einzige was mich hätte warnen sollen, waren die unangenehm heruntergezogenen Mundwinkel und der miese Gesichtsausdruck der sich im dreieckkantigen Gesicht der Finanzbeamtin widerspiegelte. Doch ich wollte es nicht sehen. Der Tag war einfach zu schön. Selbst die dumme Anfangsfrage, warum ich erst im Jahre 2002 die Steuererklärung für das Jahr 2000 einreche, konnte ich so geschickt kontern, das mir anstelle des verwesenden Geruches des Todes für einen Moment die frische Brise des Sommers ins Gesicht schlug. Das zerstreut meine letzten Zweifel und gewillt lege ich meinen Kopf in die dafür vorgesehene Öffnung. Nach einigem hin und her, während denen meine Henkerin mich gekonnt platzierte, rast das Beil herunter und mein Kopf kullert neben die Rechnung auf den Tisch. In den letzten Sekunden wird mir klar, wie teuer meine Hinrichtung war. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Meine Urlaubsträume lösten sich in der blöden Bemerkung der Beamtin auf, dass es nicht mehr so schlimm aussieht, wenn man es in Euro umrechnet. Doch ich bin mir sicher, dass das Finanzamt bei der Euroumrechnung so kräftig draufschlägt, wie ich es gerne tun würde, würde ich nicht so kopflos daliegen. Ich habe genug, packe mir meinen Kopf und eine Krücke und humpele hinaus, bereit die Krücke meinem Steuerberater über den Schädel zu schlagen.

Als ich dann meinen Henkersgehilfen anrufe und ihn frage, was dass mit der Mehrwertssteuer soll, und warum er mich nicht richtig beraten hat, stellt er fest, dass ich wohl ein Liquiditätsproblem habe und sagt: "Pumpen Sie doch ihre Mutter an." Was soll denn das heißen? Das einzige, wofür ich meine werte Mutter anpumpen würde, wäre das Geld für einen Killer, um meine Liquiditätsprobleme zu lösen, in dem ich den Steuerberater liquidiere. Ich schmiede Rachepläne und komme zu dem Schluss, dass es am besten wäre, meinen Steuerberater in flagranti mit der Finanzbeamtin zu erwischen, denn ich bin mir sicher, sie werden sich einen schönen Urlaub von meinem Geld machen.

Die Moral von der Geschichte: Wenn du zum Finanzamt geht's, vergesse nie wer die Hand am Hebel hat.

 

Autor: Tim Deussen
Email: tim.deussen@tapezismus.de

Alle Texte auf diesen Webseiten sind urheberrechtlich geschützt, jede unerlaubte Kopie oder Vervielfältigung ist verboten.
All text on this web site are copyrighted to the author. Any and all copyright infringements will be prosecuted to the fullest extent of the law.
www.tapezismus.de