Friede sei mit Euch!

Es war ein himmlisch paradiesischer Tag wie ihn schöner sich keiner vorstellen konnte. Mit kullernden Augen flatterte die weiße Taube munter durch den blauen Himmel. Ein Bach plätscherte friedlich vor sich hin und im Grün um den Flusslauf tollten sich nackt die spielenden Kinder. Fröhlich zwitscherten die anderen Vögel der Taube zu und begleiteten deren Flug. Für die Taube gab es keinen Zweifel wer sie war oder wo sie hinwollte, denn seit Jahrhunderten zog sie die immer gleiche harmonische Bahn.

Es füllte sie mit Stolz und Selbstbewusstsein, dass sie im Laufe der Zeit oft abgebildet und so zu einer Ikone geworden war. So groß war ihr Ruhm, dass sie sogar Modell für das große zentrale Kirchenfenster in der St.-Petrus-Kathedrale stand und ihre glorreichen Strahlen den Menschen Kraft und Hoffnung auf eine friedliche Welt gaben. Doch auch als die Kirche längst nicht mehr das alleinige Maß der Dinge war, hatte ihr Höhenflug nicht aufgehört. Im abendlichen Himmel der Surrealisten schlug sie ihre Flügel weit über der stürmischen See aus, um die große Familie der sie angehörte mit der Hoffnung auf einen neuen hellen und blauen Tag zu erfüllen. In den sechziger Jahren trugen die Wellen der Friedensbewegung sie zu so ungeahnten Höhen, das sie zum Medienstar avancierte. Ihr wurde klar, dass die Freiheit über den Wolken grenzenlos war. Erhaben über die kalten weltlichen Konflikte, konnte sie guten Gewissen zulassen, dass sie aus Pappe ausgeschnitten wurde um die DDR zu beflügeln und zur selben Zeit auf der Berliner Westseite ihr Bild zahlreiche Graffiti zierte.

Zwar konnte sie aus ihren luftigen Höhen nicht genau erkennen, was dort unten geschah, doch dass am Ende alles gut würde, war für sie so selbstverständlich wie der unermüdliche Schlag ihrer Flügel. Gerade summte sie liebevoll "Ein bisschen Frieden" und kaute verträumt auf ihrem Nestelzweig herum als sie jäh von einem schrillen befehlstonartigen Pfiff unterbrochen wurde. Die Überraschung, dass sie jemand aus heiterem Himmel zu sich rief, war so groß, das sie ihre ideale Flugbahn verließ und zur Landung auf der Erde ansetze.

Bevor sie ihrem Entsetzen über die tatsächlichen Gegebenheiten im Dschungel der Menschheit Ausdruck geben konnte, musste sie auch schon Stellung beziehen. Da ihr leuchtend weißes Federkleid in keinster Weise für die bevorstehenden Aufgaben geeignet war, wurde sie kurzerhand in Tarnfarbe umlackiert. Auch musste zu ihrem großen Entsetzen ihr Schnabel abgebrochen werden, da dieser eine zu klare Reflektionsfläche für den feindlichen Radar darstellen würde. Einmal schloss sie sich heimlich allein auf der Toilette ein und versuchte ihr liebevolles Lied zu trillern, doch brachte sie wegen des fehlenden Schnabels nur noch stampfende Rhythmen mit ihren neu erworbenen Stiefeln zu Stande. Damit sie auch im Sturzflug agieren konnte, wurden ihre Flügel gestutzt und für ihre neue Mission mit modernster Technik ausgerüstet. Unter dem einem Flügel brachten die Strategen ein paar Smartbomben an und obwohl ihr versichert wurde, dass diese nur kriegerische Gegner treffen würden, blieb ihr ein mulmiges Gefühl im Magen. Damit sie sich nicht mehr unnötig über das Wohl der Menschen sorgte, sondern sich voll auf die Mission konzentrieren konnte, brachte man ein paar Laibe französisches Baguette unter dem anderen Flügel an, dass sie für die überlebenden Zivilisten abwerfen sollte. Zwar fand sie den Namen ihrer Mission: "Dauerhafter Frieden" in Anbetracht ihrer explosiven Ladung und ihres bisherigen Lebens sehr zynisch, denn hatte sie nicht alles im Laufe der Jahrhunderte versucht um genau das zu erreichen? Doch die Realitäten hatten sich geändert, ihr Einsatz wurde gefordert und es war keine Zeit mehr für Sentimentalitäten.

Um 6:45 startete sie in die aufgehende Sonne und wurde sogleich von den gleißenden Strahlen des feindlichen Feuers geblendet. Mit einmal befand sie sich im Auge des Orkans und wenn sie bis jetzt immer dachte, die Hölle sei eine Erfindung der Menschen, so befand sie sich nun im Sturzflug in den leiblichen Schlund des Teufels. Links und rechts von ihr zischte ein mörderisches Speerfeuer. Es war zunehmend schwerer für sie die Orientierung in den dicken Rauschwaden zu halten. Um 7:15 zerrfetzte eine Abwehrrakete ihren linken Flügel und sie verlor endgültig die Orientierung. Da sie bis jetzt daran gewöhnt war in harmonischer Ausgeglichenheit durch den Himmel zu schweben, konnte sie ohne die ihr vertraute Linke nicht mehr manövrieren und verlor die Balance. In rasender Geschwindigkeit trudelte sie nun herab und die einzige Chance die sie noch sah, ihren Flug zu stabilisieren, bestand darin, den Bombenballast unter ihrem rechten Flügel abzuwerfen. Doch in der Verwirrung des Gefechtes betätigte sie den falschen Hebel, so dass die Feinde spontan in Jubel ausbrachen, als sie merkten, dass sie von Baguettes bombardiert wurden. In einem letzen verzweifelten Versuch betätigte sie den anderen Hebel und die Katastrophe war perfekt. Schrecken und Grauen stand in ihren Augen als sie verstand, dass Smartbomben ganz schön dumm sind. Die erste Bombe schlug in einen Flüchtlingskonvoi ein, die zweite in einen Kinderlager. Was in den Minuten nach dem Einschlägen passierte, entbehrt jeder Beschreibung und versetze die Taube in einen traumatischen Zustand. Schwer angeschlagen und sichtlich verwirrt kehrte sie in die Basis zurück.

Dass sie bei ihrer Rückkehr als Kriegsheld empfangen und ihre erfolgreiche Friedensmission gefeiert wurde, steigerte ihre Verwirrung noch. Schnell wurde sie einer psychiatrischen Betreuung unterzogen. Auf der Liege des Psychiaters erklärte sie ihre Symptome: sie konnte nicht mehr friedlich schlafen, hatte Depressionen und Flachbacks von sterbenden Zivilisten und Kindern die ihr arge Schuldgefühle verursachten. Stundenlang saß sie geknickt vor ihrer Stereoanlage und hörte das Lied: "Die weißen Tauben sind müde." Der Psychiater lächelte allwissend und erklärte ihr, dass sie an einem posttraumatischen Symptom leide; dies sei nichts besonderes und passiere vielen die für den Weltfrieden kämpfen. In seiner pädagogisch ruhigen Stimme lullte er sie ein. Die Gewissensbisse seien normal aber in keiner Weise gerechtfertigt. Natürlich wolle niemand, das Unschuldige zu Tode kommen, doch müsse man eine gewisse Zahl von Kollateralschäden in Kauf nehmen. Immerhin hätte sie in einer halben Stunde mehr für den Weltfrieden getan als in den letzen paar hundert Jahren zusammen. Dieses brachte sie wieder auf die Beine. Da sich in ihrem prominenten Namen ein großes Propagandapotential verbarg, wurde ihr von hoher offizieller Seite angeboten, bei den Bodentruppen mitzumachen. Doch nach alle dem was passiert war, konnte sie nicht wirklich dran glauben, dass der Krieg eine Lösung für den Frieden sei so dass sie ehrenhaft entlassen wurde.

In den ersten Monaten nach ihrer Entlassung war sie noch guter Dinge und sie nahm sich fest vor, ihre alte Stellung im Firmament wieder einzunehmen. Wie schon früher so oft besuchte sie Friedenskundgebungen um dort ihre frohe Botschaft zu verkünden, doch schlug ihr ein kalter Wind entgegen und niemand wollte mehr so recht an ihre Worte glauben. Ihre alten Wegbegleiter, die sie in den Sechzigern zu ihrem Höhenflug inspiriert hatten, klopften ihr nun entweder staatsmännisch auf die Schultern oder belächelten ihre Versuche, wieder in den Himmel empor steigen zu wollen, wusste doch jeder, dass man mit durchschossenen Flügeln nicht mehr fliegen konnte. Sie machte ein trauriges Bild wie sie dort stand und versuchte ihre alten Ideale hochzuhalten, doch nicht ernstgenommen wurde. Als einzigen Ausweg aus diesen Dilemma sah sie die Flucht in die Namenlosigkeit der Großstadt.

Der Winter kam und die einstmals stolze Taube war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Gehüllt in den grünen Parka, den sie zum Abschied behalten durfte, schlürfte sie gebückt durch die Straßenschluchten und schluckte ihre Sorgen mit billigem Fussel herunter. Eltern mit ihren Kindern, die ihr entgegenkamen, wechselten die Straßenseite und anständige Bürger rümpften die Nase über den strengen Geruch den sie verbreitete. Sie fühlte sich leer und verbraucht und ihre Wangen waren eingefallen. Ihre Gefühle pendelten von Frustration zu Hoffnungslosigkeit. Wie schön war es früher, als sie unbeschwert über den Menschen schwebte und ihnen ein Leitbild war, doch die Schuld die nun auf ihr lastete war so groß, dass sie immer weiter heruntergezogen wurde.

Sie wohnte in einem alten menschenleeren Gebäude, in das der kalte Wind durch die zerbrochenen Scheiben blies. Es war die Nacht des 24. Dezember, die sonst immer voll von Freude für sie war, doch in dieser eisigen Nacht erlosch auch das letzte kleine Flämmchen von Hoffnung, das sie noch in sich trug. Traurig versteckte sich der Mond hinter einer dunklen Wolke. Sie zog die Schnürriemen aus ihren Stiefeln und knotete einen festen Strick daraus. Den Strick warf sie über eins der Fensterkreuze, dessen Silouette bedrohlich schwarz gegen den Mond stach. Sie legte die Schlinge um ihren Hals und sprang von der Fensterbank, doch der erwartete Ruck, der ihr das Genick brechen sollte, blieb aus. Für einen Moment glaubte sie, dass sie träumte wieder Fliegen zu können, den als sie die Augen öffnete schwebte sie einige Zentimeter über dem Boden. Sie spürte ein Kribbeln und Kitzeln unter ihren Füßen, riss sich die Schlinge vom Hals und sprang erschrocken zur Seite. Ein Haufen kleiner schwarze Punkte bewegte sich unter der Fensterbank und als sie genau hinsah, erkannte sie, gleich einem Bild von Dahli, das Ameisen ihren Sturz abgefedert hatten. Aufgebracht fragten die Ameisen die Taube was das denn solle und ob sie nicht schon genug angerichtet hätte und jetzt auch noch den Ameisenhaufen zerstören müsse? Sie solle gefälligst wieder in den Himmel zurückkehren wo sie hingehöre, denn hier auf der Erde würde sie doch nur Chaos anrichten. Frustriert über ihren Fehltritt stammelte die Taube eine Entschuldigung und verließ das Haus endgültig.

Die Straßen waren wie leer gefegt und nur ab und an drang das fröhliche Lachen von Kindern, die ihre Geschenke öffneten an ihr Ohr, oder sie sah im Winkel ihrer Augen eine Familie, die friedlich zusammen beim Essen saß. Wie gern hätte sie mit den Kindern zusammen gelacht, oder den Familien zum Essen einen Nestelzweig auf den Tisch gelegt. Sie hatte nichts mehr worauf sie sich noch freuen konnte und trottete achtlos über die Straße. Plötzlich wurde sie vom Scheinwerferkegel eines schnell herannahenden Autos erfasst. Im Auto saßen ein kleiner Junge und sein Vater die auf dem Weg zur Weihnachtsfeier bei der Oma waren. Erschrocken bemerkte der Junge die Taube und wollte den Vater noch warnen, doch es war zu spät. Mit einen Krach erfasste der Wagen die Taube und schleuderte sie in die Gosse. Auf Bitten des Jungen hielt der Vater an um nach der Taube zu sehen. Sie bot keinen schönen Anblick wie sie dort blutüberströmt im Rinnstein lag. Der Vater bemerkte, dass die Taube nicht mehr zu retten war, und wollte schon zurück zum Auto gehen, doch der Junge hielt ihn fest und fragte seinen Vater, ob er die Taube mitnehmen dürfe. Der Vater war von dieser Idee gar nicht begeistert, denn die Taube war sowieso nicht mehr zu retten, nutzlose Tauben wie diese gab es zu Millionen und außerdem würde sie blutige Flecken in seinem neuen Auto hinterlassen. Doch der Junge ließ nicht locker. Für ihn war die Taube etwas Besonderes, denn irgendwie leuchtete etwas Vertrautes in ihren traurigen Augen. Da Weihnachten war und der Vater dem Jungen keine Wünsche verwehren durfte, wünschte der Junge sich sich, die Taube mitzunehmen zu dürfen.

Bei der Oma wusch der Junge vorsichtig den Dreck von der Taube, der wie Tarnfarbe aussah und langsam kamen ihre weiß leuchtenden Federn wieder zum Vorschein. Stolz nahm er sie mit zum Essen. Zwar konnte die Taube wegen ihrer sichtlichen Verletzung nur ein wenig der köstlichen Suppe schlürfen, doch war dies das schönste Weihnachten, dass sie seit langen hatte. Zum Dank für das Essen und die Hilfe des Jungen flocht sie einen Nestelzweig aus einer Serviette und schlief dann friedlich ein.

In den nächsten Monaten pflegte der Junge die Taube liebevoll, doch sie konnte nicht so recht zu Kraft kommen. Es besorgte den Jungen, dass die Taube immer öfters grübelnd am Fenster saß und in die Tiefe starrte, dass er sie eines Tages fragte, was die den hätte. Da konnte die Taube nicht anders, als dem Jungen ihr Herz ausschütten. Sie erzählte ihm von ihrer kriegerischen Friedensmission, von Tod der Zivilisten und Kinder, und davon, dass sie ihre Schuldgefühle sie immer mehr in die Tiefe zögen. Es wäre kein Wunder, dass die Menschen glaubten, sie sei eine Versagerinn und nichts wert. Zu Recht seien ihre Flügel gebrochen und sie müsse nun auf der Erde herumkriechen. Sie sehnte sich nach dem Tag, an dem all dies ein Ende haben würde. Da nahm der Junge die Taube in den Arm, streichelte sie lieb und fing an zu weinen. Mit ihrem Federkleid trocknete sie die Tränen des Jungen ab und bemerkte traurig, dass sie durch ihre Fehler nun ihn auch noch zum Weinen gebracht hätte. Der Junge schluchzte und sagte der Taube, dass er nicht deswegen weine, weil die Taube im Krieg gewesen wäre, sondern weil sie nicht sterben dürfe. Sie sei doch die Friedenstaube, und wenn sie sterbe, gebe es für die Menschen keine Hoffnung mehr. Hätte sie doch am eigenen Leib erfahren, wie schrecklich der Krieg sei und wie er einen dazu verleitet Dinge zu tun, die man nie tun wollte. Wäre es jetzt nicht wichtiger als je zuvor, dass sie wieder in den Himmel aufstieg um den Menschen ein Leitbild zu sein? Das leuchtete der Taube ein.

Wenn es auch nur für diesen einen Jungen sei, würde sie sofort wieder in den Himmel aufsteigen, doch würde dieser Wunsch wohl unerfüllt bleiben, da sie ja nicht mehr Fliegen könne. Der Junge, der ein Bastler war, sagte der Taube, das dies kein Problem sei und holte einen Windvogel hervor, den er zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Geschickt schiente er die gebrochenen Flügel mit ein paar Holzstäben und flickte die durchschossenen Stellen mit weißem Pergament Papier. Da ihre Flügel nun nicht mehr so schlaff und zerfetzt herunterhingen, sah sie schon wieder viel würdevoller aus. Nur wie sie mit dieser Konstruktion fliegen sollte, war der Taube ein Rätsel. Doch auch hierfür hatte der Junge eine Lösung.

An einem windigen Tag war es endlich so weit. Der Junge nahm die Taube mit auf einen Hügel und knotete eine kleine Kordel an ihre Flügel, so wie man einen Drachen aufspannt. Als dann eine günstige Windböe aufkam lief er los, und zog die Taube hinter sich her. Die Taube konnte es kaum fassen und war über glücklich, als sie merkte, wie der Wind unter ihre Flügel griff und sie zu gleiten begann. Sie gewann schnell an Höhe und hatte gerade noch Zeit, dem Jungen ein Dankeschön zu zu rufen und ihm zu versprechen, dass sie ihre Bahn nicht noch einmal verlassen würde. Die feurig farbigen herbstlichen Bäume unter ihr wurden immer kleiner und ihr Gleitflug begann sich zu stabilisieren. Zweimal zupfte sie an der Kordel als Zeichen für den Jungen, dass sie nun ihre Ideale Flugbahn erreicht hatte. Der Junge schnitt die Kordel los, und winkte der Taube nach, während sie als leuchtend weißer Punkt hinter den Wolken verschwand. Seitdem liegt der Junge öfters im Grass, schaut in den Himmel und sieht in den vorbeiziehenden Wolken die Taube, die dort nun wieder unermüdlich fliegt.

 

Autor: Tim Deussen
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